Ich lass die Sektkorken knallen!

Es ist tatsächlich soweit: genau 4 Monate nachdem ich meine Radreise in Karlsruhe begonnen habe, 85 Fahretappen später und nach 5.450 Kilometer, die ich aus eigener Muskelkraft erfahren habe, bin ich gestern sehr stolz in Tallinn, meinem Ziel für die Radreise durch Nordeuropa, angekommen. 🙂 Deshalb ließ ich gestern auch erst einmal die Sektkorken knallen und feierte meine Ankunft in Tallinn.

Aber auf dem Weg bis nach Tallinn waren auch nochmal einige Höhen und Tiefen dabei. Nach meinen Ruhetagen in Kuressaare, machte ich mich vormittags auf den Weg in den Norden der Insel Saaremaa, da ich ich hier am nächsten Morgen auf die Insel Hiiumaa mit der Fähre übersetzen wollte. Am Morgen war der Himmel noch ziemlich grau und wolkenverhangen, allerdings brachten die bunten Bäume am Wegesrand immer wieder Farbe in den sonst tristen Abschnitt.

Jedoch pünktlich zu meiner Ankunft an der Panga Klippe riss die Wolkendecke auf und die Sonne kämpfte sich durch, sodass ich den schönen Ausblick während meiner Pause genießen konnte.

Auf dem Weg zu meiner Unterkunft für den Tag, besuchte ich noch einen der RMK Rastplätze am Strand.

Der Weg dahin führte mich wie so oft in Estland durch den Wald. Ich war auf der Straße völlig allein unterwegs und ich hörte auf einmal neben mir im Wald und Gebüsch etwas rascheln und kurz darauf ein Geräusch, das sich wie ein galoppierendes Pferd anhörte. Ich dachte mir nicht viel dabei, bis auf einmal ein Hirsch aus dem Wald rechts neben mir gerannt kam und die Straße 5 Meter vor mir überquerte und nach links in den Wald lief. Ich schaute ihm nur mit offenem Mund nach und konnte kaum glauben, dass ich gerade am helllichten Tag einen Hirsch von so nah gesehen habe. Ich glaube nach 3 Sekunden war er auch schon wieder weg, aber ich war dennoch sehr beeindruckt.

Meine Unterkunft für diesen Tag war etwas abseits vom Fährhafenort und so hieß es am nächsten Morgen zeitig aufstehen und losfahren, um die Fähre 09:30 Uhr zu bekommen. Das zeitige Aufbrechen hatte auch seinen Vorteil, denn das gesamte Dorf lag noch im Morgennebel, die Sonne ging gerade auf und die herbstlich eingefärbten Bäume erstrahltem im warmen Licht der aufgehenden Sonne – was für eine tolle Morgenstimmung.

Angekommen auf der Insel Hiiumaa hieß es zunächst 40km durch den Wald fahren. Irgendwie hat mich das Stück extrem geschlaucht , obwohl ich erst die Ruhetage in Kuressaare hatte. Als ich dann endlich am Strand ankam, war ich kräftemäßig völlig am Ende und ausgelaugt. Die zwei Nächte zuvor, in denen ich nicht gut geschlafen habe, haben sicherlich auch Ihren Anteil dazu beigetragen. Deshalb entschied ich ohne große Umwege in meine Unterkunft in Kärdla zu fahren und mir und meinen Muskeln Ruhe zu gönnen. Leider habe ich so nicht wirklich viel von der Insel Hiiumaa gesehen. 😦

Am nächsten Morgen fuhr ich über den Hafen von Kärdla zum Fährhafen in Heltermaa. So sehr ich die Sonnenuntergänge am Wasser mag, aber die Sonnenaufgänge und die morgendliche Stimmung am Wasser haben auch was für sich.

Als ich am Wasser stand und die Fotos machte, staunte ich nicht schlecht, als auf einmal jemand aus dem Wasser rauskam. Ich hatte die Frau zuvor gar nicht gesehen, aber sie ist tatsächlich bei den kalten Temperaturen im Wasser geschwommen. Nicht wie ich: reinrennen – hinsetzten – rausrennen, sondern sie ist richtig geschwommen. Respekt!

Die Fähre brachte mich in 75min von Haltermaa zurück aufs Festland nach Rohuküla. Von dort aus ging es auf einem Weg entlang eines alten Bahndammes direkt nach Haapsalu. Dort bog ich direkt wieder zum Strand ab, um den tollen Sonnenschein bei einer Pause mit Tee zu genießen.

Ursprünglich hatte ich vor in Haapsalu zwei Nächte zu bleiben, da die Wettervorhersage jedoch für die folgenden Tage starken Wind als Gegenwind für mich voraussagten, der in den darauffolgenden Tagen noch stärker werden sollte, entschied ich mich um und wollte am nächsten Tag direkt weiterfahren. Ich war wieder voll in dem Modus drin, alles durchzuplanen und durchzutakten. Das was ich eigentlich bei dieser Reise nicht wollte.

Als ich den Strand verließ, um in die Unterkunft zu fahren, überholten mich Micha und seine Tochter auf den Rädern. Ich erschrak ein wenig, weil ich sie von hinten nicht kommen hörte. Micha sprach mich an und wir kamen ins Gespräch. Er kommt auch aus Deutschland, lebt aber mittlerweile mit seiner Familie in Haapsalu in Estland. Er schwärmte mir von Haapsalu vor und erinnerte mich, ohne es zu wissen, daran, dass man sich manchmal auch einfach treiben lassen sollte und nicht immer für alles einen Plan im Vorfeld geschmiedet haben muss. Damit sagte er im richtigen Moment genau das Richtige. Für den Fall, dass ich doch länger bleiben würde, gab er mir noch eine Telefonnummer, unter der ich ihn erreichen konnte, falls ich Lust auf einen Kaffee hätte. Er erwähnte auch, dass man hier in Estland auch bequem per Bus weiterfahren könnte, da diese auch Fahrräder mitnehmen. Das klang interessant, da ich bereits das Appartement für Tallinn im Vorfeld gebucht hatte und deshalb der Zeitplan schon recht fix war. Nachdem ich in meiner Unterkunft ankam und ich recherchierte, welche Möglichkeiten für die Weiterreise bestanden, entschied ich mich, eine Nacht länger in Haapsalu zu bleiben und den tollen Ort zu genießen. Wieder bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel schlenderte ich durch die Stadt, die von so viel Wasser umgeben ist. Es war total schön, die Sonnenstrahlen im Burgareal und beim Spaziergang an der Promenade zu genießen und die Energiespeicher wieder aufzuladen.

Da ich nun einen Tag länger blieb, rief ich Micha an, um mich auf einen Kaffee für den nächsten Tag zu verabreden. Er bot mir an, dass wenn ich Lust hätte, gern abends noch mit auf einen Ausflug zu einem Bird-Watching Tower mit ihm und seinen Töchtern zu kommen – ich nahm die Einladung an. Es war komisch wieder in einem Auto zu sitzen und so schnell von A nach B zu kommen, wofür ich sonst wahrscheinlich einen halben Tag gebraucht hätte 😀 . Die Aussicht auf dem Tower während des Sonnenuntergangs war traumhaft.Ich mag einfach Aussichtspunkte, von denen aus man die Orte und Landschaften von oben betrachten kann. Wenn dann noch Wasser mit im Spiel ist, ist es nochmal toller.

Zurück in Haapsalu, konnte ich direkt vom Hotel aus noch das letzte Abendrot vom Sonnenuntergang genießen.

Am nächsten Tag ließ ich einfach die Seele baumeln, genoss das tolle Wetter und die Sonne auf der Parkbank und bei einem Cappuccino und Kuchen. Mittags gesellte sich Micha in seiner Pause noch zu mir und wir quatschten nochmal ein wenig.

Also ich muss sagen, Haapsalu hat es mir ein wenig angetan. Der Ort steht ganz oben mit auf der Liste meiner Lieblingsorte auf der Radtour.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter und dieses Mal für einen kurzen Abschnitt mit dem Bus. Auf der Website hieß es, dass das Rad in einer Box verstaut wird und eventuell, falls es nicht passt, das Vorderrad ausgebaut werden müsste. Das hörte sich einfach an. Es war noch einfacher – das Fahrrad passte, so wie es ist direkt in den Gepäckraum und wurde vom Fahrer einfach mit einem Expander an der Sattelstütze aus fixiert – das wars. 🙂 Der Bus selbst ist super modern und das Entertainmentsystem glich dem in einem Flugzeug. 45 Minuten später war ich dann auch schon in Turba und sattelte wieder meine Taschen auf und fuhr zurück zu meiner ursprünglichen Route an die Küste.

Wieder ging es auf einsamen Straßen zu einsamen Strandabschnitten und zu dem Keila-Wasserfall inklusive Indian Summer Stimmung.

Die letzte Etappe gestern war mit 44km recht kurz, aber hatte es nochmal wettertechnisch in sich. Es waren knapp unter 10 Grad, grau und bewölkt und durch den Gegenwind hat es sich wie 5 Grad oder noch kälter angefühlt. Da hat die Pause in einem Restaurant auch nicht geholfen, da ich aufgrund meiner durchgeschwitzten, nassen Klamotten danach nur noch mehr gefroren habe. Auch die Jacke die ich noch zusätzlich zu meiner Windstopper Weste anzog, half nicht so richtig. Also hieß es einfach ein bisschen mehr in Pedalen zu treten, um wieder warm zu werden – in Tallinn wartete ja ein warmes Appartement mit einer heißen Dusche auf mich. 🙂

Überrascht war ich, als ich nach Tallinn rein fuhr und erst einmal vom deutschen Baumarkt Bauhaus gegrüßt wurde. Da fährt man gefühlt ans andere Ende von Europa und sieht erst einmal einen deutschen Baumarkt.

Nach der warmen Dusche sah die Welt auch schon wieder ganz anders aus und ich machte noch einen kleinen Ausflug in die mittelalterlichen Altstadt von Tallinn. Ich muss sagen, sie hat mir echt gut gefallen: kleine verwinkelte Gassen, tolle alte Häuser und tolle Aussichtsplattformen von der Stadtmauer.

Ich mache hier jetzt erst einmal eine etwas längere Pause bis Mitte nächster Woche, bevor ich dann mit der Fähre nach Helsinki fahre. Von dort geht es dann Ende nächster Woche mit der Fähre zurück nach Deutschland, da es mir hier im Norden doch etwas zu frisch wird. 🙂

2 Gedanken zu “Ich lass die Sektkorken knallen!

  1. Sehr viele sehr schöne Bilder und wirklich sehr schön geschrieben. Ich erinnere mich gern an das Baltikum. 2015 sind wir von Tallinn über die Inseln , Riga und Kaliningrad bis nach Polen gefahren. Ähnliche Eindrücke und Haapsalu war was Besonderes.😃👍🏽

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  2. Sehr schöne Bilder,
    da kommen Erinnerung an Canada im Herbst wieder hoch bei uns.
    Danke für die sehr gut geschriebenen Reiseberichte.
    Wir sind richtig stolz auf Dich, das muss man erstmal machen und schaffen!
    Diese Eindrücke und Erfahrungen werden Dich prägen!
    Liebe Grüße die Klitzschner

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